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Unternehmen & Marken
13.09.2017

2030 braucht der Verkehr in Europa 80 Mio. weniger Autos

Der europäische Automobilmarkt wird sich bereits in wenigen Jahren gegenüber heute massiv verändern. Diesen Ausblick skizziert die Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PwC in der neuen Studie "eascy - die fünf Dimensionen der automobilen Transformation". Die Untersuchung kommt dabei zu einer ganzen Reihe von vermeintlich widersprüchlichen Aussagen. Ein Beispiel: Der Fahrzeugbestand könnte bis 2030 um 80 Millionen auf nur noch 200 Millionen Autos sinken - während zugleich der Verkehr auf den Straßen noch dichter wird. Oder: Obwohl die Zahl der Neuzulassungen deutlich steigt, werden viele klassische Hersteller und Zulieferer unter Druck geraten.

2030 wird jeder dritte gefahrene Kilometer im "Sharing" gefahren

"Diese Aussichten sind nur scheinbarer widersprüchlich. Denn im Zuge der automobilen Revolution werden viele Regeln, an die sich die Branche über Jahrzehnte gewöhnt hat, in ganz andere Konstellationen geraten", sagt Felix Kuhnert, Global Automotive Leader von PwC.

Von entscheidender Bedeutung ist dabei das prognostizierte Wachstum preiswerter Sharing-Konzepte. Die Folge dieser Entwicklung: "Der heutige Normalfall, wonach die meisten Menschen selber in ihrem eigenen Fahrzeug fahren, wird in wenigen Jahren nur noch ein Mobilitätskonzept unter vielen sein", erläutert Christoph Stürmer, Global Lead Analyst von PwC Autofacts. So geht die Studie davon aus, dass 2030 bereits mehr als jeder dritte auf Europas Straßen gefahrene Kilometer auf einer der vielen Formen von "Sharing" beruhen wird.

Elektrische und selbstfahrende Autos beschleunigen den Wandel

Flankiert wird das "Sharing" von zwei technischen automobilen Megatrends - nämlich von der Elektrifizierung des Antriebs und von der inzwischen weit fortgeschrittenen Entwicklung selbstfahrender Autos. Laut PwC-Szenario dürfte es 2030 bei vier von zehn zurückgelegten Kilometern nicht mehr der Fahrer sein, der das Auto lenkt, sondern das Auto selbst. Bei 55 Prozent aller Neufahrzeuge könnte es sich zudem um Elektroautos handeln - während der klassische Verbrennungsmotor allmählich ausstirbt.

"Die verschiedenen Trends verstärken sich dabei gegenseitig", sagt Stürmer. "Elektrofahrzeuge zum Beispiel können aufgrund des simpleren Antriebsstrangs weniger reparaturanfällig als herkömmliche Fahrzeuge werden - was bei einer intensiven Sharing-Nutzung ein deutlicher Vorteil ist. Selbstfahrende Autos wiederum könnten, wenn man sie mit Sharing-Konzepten verknüpft, zu regelrechten 'Robotaxis' werden."

"Der Straßenverkehr insgesamt muss sich radikal verändern"

In Kombination führen die unterschiedlichen Megatrends dazu, "dass sich der Straßenverkehr als solcher radikal verändern wird", so Stürmer. Konkret: Dadurch, dass immer mehr Menschen auf Car-Sharing-Modelle setzen, dürfte es bis 2030 zwar deutlich weniger Autobesitzer geben. Zugleich wird jedoch der Individualverkehr massiv zunehmen. Das liegt, abgesehen von der wachsenden Bevölkerung, zum Beispiel daran, dass autonome Fahrzeuge auch von Menschen genutzt werden, die heute selbst nicht Autofahren können.

Ein weiterer Grund: Mit der Entwicklung vollautonomer Autos dürfte es auch zu Leerfahrten kommen, weil die "Robotaxis" ja von A nach B müssen, um neue Passagiere aufzunehmen. "Die Straßen werden definitiv noch voller werden", sagt Stürmer. Ein Chaos allerdings erwartet er nicht - im Gegenteil: "Durch die zunehmende Konnektivität wird sich der Individualverkehr in Zukunft sehr viel besser organisieren lassen." Folgerichtig nennt die PwC-Studie "Connected" als vierten Megatrend neben "Electrified", "Autonom" und "Shared".

Ein Drittel mehr Neuzulassungen bis 2024 - doch wer profitiert?

Doch was bedeutet die Entwicklung nun für die Hersteller und Zulieferer - gerade in Deutschland? Das PwC-Szenario geht davon aus, dass die Zahl der jährlichen Neuzulassungen in Europa bis 2030 um ein Drittel auf mehr als 24 Millionen Autos steigen könnte; nur so würde sich der höhere Verschleiß durch Car-Sharing-Konzepte kompensieren lassen. Diese hohen Volumen verlangen von Autoherstellern und Zulieferern die zusätzliche Investition in neue Produktions- und Entwicklungskapazitäten - für neue, hochspezialisierte Fahrzeugkonzepte zu wesentlich niedrigeren Preisen.

"Die Automobilkonzerne und ihre Zulieferer werden in den nächsten Jahren lebenswichtige Entscheidungen treffen müssen", glaubt PwC-Experte Stürmer. Denn während sie auf der einen Seite - vor allem wegen des Drucks der großen Flottenbetreiber - mit sinkenden Margen zu kämpfen haben, müssen sie auf der anderen Seite ihre Investitionen in neue Fabriken, Elektromobilität und die übrigen Megatrends signifikant steigern. Zugleich sehen neue Wettbewerber aus der Technologiebranche die Chance, in den Markt zu drängen. Dadurch könnte sich der Anteil klassischer Player an den globalen Branchengewinnen von derzeit 85 Prozent bis 2030 auf weniger als 50 Prozent verringern.

(rh)