Unternehmen & Marken, Handel
25.02.2013

EEAG-Bericht: Weltweites BIP-Wachstum mit leichter Erholung

Der europäische Sachverständigenrat European Economic Advisory Group at CESifo (EEAG) hat in Brüssel den zwölften Bericht zur Lage der Wirtschaft vorgestellt. Die internationale Expertengruppe erwartet ein Wachstum des weltweiten Bruttoinlandsproduktes (BIP) um 3,3 Prozent für dieses Jahr (in Kaufkraftparitäten). Der Anstieg ist zwar im Vergleich zum Jahr 2012 (+3,0%) etwas höher, fällt aber moderater aus als im Jahr 2011, in dem sich das BIP-Wachstum auf +3,8 Prozent belief.

Gemessen in Marktpreisen dürfte die Leistung der  Weltwirtschaft dieses Jahr um 2,5 Prozent ansteigen -  nach einer Steigerung von 2,3 Prozent im Jahr 2012 -  jedoch weiter unterhalb des Potenzials liegen. Für alle größeren Regionen rechnen die Wissenschaftler im Verlauf des Jahres 2013 mit einer Verbesserung der wirtschaftlichen Lage, wobei die stärksten Wachstumsimpulse erneut von den Schwellenländern ausgehen werden.

Der Welthandel dürfte merklich zunehmen. Zwar wird das Wachstum von 5,8 Prozent des Jahres 2011 nicht erreicht, doch mit 3,6 Prozent wird der Anstieg des Welthandels deutlich stärker ausfallen als im vergangenen Jahr (+2,4 %).

Die Wirtschaft der USA dürfte Anfang 2013 noch stagnieren und erst später wieder Tritt fassen, so der EEAG-Bericht. Gründe dafür sind ungeklärte Budgetfragen, die auf Ausgabenkürzungen hinauslaufen und dadurch zu Unsicherheiten bei Steuer und Finanzierungsmaßnahmen führen. Für das Jahr 2013 insgesamt erwartet der Rat, dass die Wachstumsrate von 2,1 Prozent im Jahr 2012 auf 1,6 Prozent absinkt. Die Arbeitslosigkeit dürfte hingegen weiterhin fallen, auf einen Wert von 7,8 Prozent (8,1 % im Jahr 2012). Die Experten gehen von einer moderaten Entwicklung der Inflationsrate aus, sie schätzen diese auf rund 2,1 Prozent.

In China dürfte der Rückgang der Wirtschaftsleistung nun die Talsohle überschritten haben, hier rechnen die Experten für 2013 wieder mit einem Wachstum in Höhe von neun Prozent, im Vergleich zu 7,8 Prozent im vergangenen Jahr. Für Japan hingegen ist dieses Jahr nur eine moderate Erholung absehbar, die EEAG rechnet mit einem Wachstum von gerade einmal 0,8 Prozent. Negativ auf den japanischen Außenhandel mit China wirkt sich insbesondere die Konfrontation um die Senkaku-Diaoyu-Inseln aus. Allein die Exporte japanischer Kraftfahrzeuge nach China brachen zwischen Juli und Oktober um 75 Prozent ein, und zum ersten Mal seit Datenaufzeichnung wies Japan im September 2012 ein Handelsbilanzdefizit gegenüber China aus.

Für Indiens Wirtschaft rechnet der Sachverständigenrat dieses Jahr mit einem Anstieg von 4,6 Prozent, nach 3,7 Prozent im Jahr 2012. Obwohl sie im Vergleich zum letzten Jahr (9,4%) zurückging, bleibt die Inflationsrate dort mit 8,2 Prozent auf einem hohen Niveau. In Russland wird das BIP in diesem Jahr voraussichtlich um 2,5 Prozent wachsen, und damit etwas langsamer als im Jahr 2012 (3,0%). In Lateinamerika dürfte sich das BIP-Wachstum 2013 auf 3,6 Prozent erhöhen, der Vorjahreswert betrug 2,4 Prozent. Die Prognose für Lateinamerika bezieht sich auf eine gewichtete Durchschnittszahl für die Länder Argentinien, Brasilien, Chile, Kolumbien, Mexiko, Peru und Venezuela.

Die Wirtschaft der Europäischen Union wiederum dürfte 2013 bei einem minimalen Plus von 0,1 Prozent nahezu stagnieren, nachdem vergangenes Jahr ein Rückgang von 0,3 Prozent zu verzeichnen war. Die Inflationsrate wird dieses Jahr aller Voraussicht nach auf 1,9 Prozent fallen (2012: 2,6 %), die Arbeitslosenquote von 10,5 Prozent auf 10,9 Prozent steigen.

Ferner gehen die EEAG-Experten davon aus, dass das wirtschaftliche Gefälle zwischen den einzelnen Mitgliedsstaaten zunehmen wird, wobei die gesamtwirtschaftliche Produktion in den Krisenländern mit Ausnahme von Irland weiter sinken dürfte. Die Refinanzierungsbedingungen der Krisenländer - obgleich auf dem Wege der Besserung - werden, im Vergleich mit den Kernländern, weiterhin ungünstig bleiben.

Für die deutsche Wirtschaft erwartet der Rat für 2013 nach einem eher schwachen Start ein Wachstum in Höhe von 0,7 Prozent. Die Binnennachfrage, die Nachfrage nach deutschen Exporten von Nicht-EU-Ländern sowie die Importnachfrage dürften allesamt zunehmen. Der Bausektor dürfte weiterhin ein Wachstumsmotor und die Beschäftigung in etwa auf gleichem Niveau bleiben. Hierbei rechnen die EEAG-Wissenschaftler sogar mit 35.000 neuen Stellen und einer leicht sinkenden Arbeitslosigkeit, von 5,5 Prozent im Jahr 2012 auf 5,4 Prozent 2013. Die Sachverständigen erwarten für dieses Jahr einen Rückgang der Inflationsrate auf 1,9 Prozent, von zuvor 2,2 Prozent im Jahr 2012.

Die französische Wirtschaft dürfte um 0,3 Prozent wachsen, während die Exporte aufgrund der verlorenen Wettbewerbsfähigkeit weiter zurückgehen werden. Es ist unwahrscheinlich, dass das öffentliche Defizit 2013 unter die Marke von drei Prozent gesenkt werden kann. Die EEAG erwartet bei der Arbeitslosigkeit einen Anstieg auf 11,1 Prozent, bei der Inflation hingegen einen Rückgang auf 1,8 Prozent.

Die Wirtschaft des Vereinigten Königreichs dürfte mit 0,8 Prozent moderat wachsen, während die Arbeitslosigkeit auf 7,6 Prozent und die Inflation auf 2,4 Prozent fallen.

Im Fall Italiens erwartet die EEAG einen Rückgang des BIP aufgrund der fortwährenden politischen Unsicherheiten um 0,9 Prozent. Zwar dürften die Exporte leicht ansteigen, die Importe jedoch zugleich sinken, was die Handelsbilanz verbessern sollte. Für die durchschnittliche Arbeitslosenquote ist mit einem Wert von 11,7 Prozent, bei einer Inflation mit 2,3 Prozent zu rechnen.

Was die Wirtschaft Spaniens anbelangt, so gehen die Experten davon aus, dass sie weiterhin in der strukturellen Krise verharren und dieses Jahr um 1,2 Prozent schrumpfen wird. Der private Konsum dürfte auf gedämpftem Niveau verbleiben, die Arbeitslosigkeit auf 26,8 Prozent ansteigen und die Inflation bei 1,8 Prozent liegen. Portugal und Griechenland verbleiben in der Rezession (voraussichtlich -1,6% und  -5%), Irland hingegen wird wahrscheinlich ein moderates Wachstum ausweisen (+1%) können. In allen drei Ländern dürfte die Arbeitslosigkeit steigen.

In den meisten Volkswirtschaften in Zentral- und Osteuropa dürften die BIP-Veränderungen gegenüber dem Vorjahr positiv ausfallen, mit Ausnahme Ungarns (-0,3%). Dennoch dürften die konjunkturdämpfenden Faktoren in den meisten Ländern dieser Region fortwirken. Ungarn, die Tschechische Republik, Rumänien und Bulgarien laufen Gefahr, in eine Rezession zu geraten, während Polen versuchen wird, die Nachfrageschwäche nach seinen Exporten zu kompensieren. Der Einschätzung der EEAG nach werden Litauen
(3,9%), Estland (3,5%), Lettland (3,2%) und Schweden (2,3%) die größten Wachstumsraten in der Europäischen Union haben.

Wie schon vergangenes Jahr dürften alle europäischen Länder außerhalb des Euroraums (mit Ausnahme Ungarns) wachsen, während im Euroraum nur zehn von 17 Ländern wachsen - oder zumindest stagnieren. Übertragen auf die Europäische Union lässt dies nur ein Wachstum von 0,1 Prozent, und im Falle des Euroraums sogar einen Rückgang der Wirtschaftsleistung um 0,1 Prozent erwarten.

In den weiteren Kapiteln des EEAG-Berichtes 2013 gehen die Autoren den Ungleichgewichten innerhalb des Euroraums auf den Grund, angefangen beim Handel, über Wettbewerbsfähigkeit bis hin zu den Leistungsbilanzen, und zeigen Wege auf, um die Balance wiederherzustellen. Die Experten setzen sich auch mit der Fehlentwicklung am Arbeitsmarkt auseinander, von dem viele europäische Länder innerhalb und außerhalb des Euroraums betroffen sind, untersuchen die Ursachen für die Misere und schlagen Hilfsmaßnahmen vor. Darüber hinaus zeigen die EEAG-Sachverständigen, welche Lehren Europa aus der Geschichte der USA und ihren gegenwärtigen Institutionen für die Errichtung einer Fiskalunion ziehen kann.

Lösungsvorschläge des Rates zu den Herausforderungen

Wirtschaftliche Ungleichgewichte in Europa:

- Deflation in den südlichen und/oder Inflation in den nördlichen Ländern des Euroraums sind unerlässliche Bedingungen für die Wiederherstellung der Wettbewerbsfähigkeit der Länder im Süden.
- Erhöhung der Mehrwertsteuer bei gleichzeitiger Senkung der direkten Steuern kann einen Beitrag zur notwendigen Änderung der relativen Güterpreise liefern.
- Die Deflation in Südeuropa verlangt fiskalische Sparmaßnahmen. Dabei sind Ausgabenkürzungen Steuererhöhungen vorzuziehen.
- Überschuldeten Ländern sollte durch Schuldenschnitte zu Lasten ihrer privaten Gläubiger geholfen werden.

Arbeitsmärkte (Problemzone Südeuropa):

- "Zweiklassen-Arbeitsmärkte", die durch eine Trennung zwischen befristeten und unbefristeten Arbeitsplätzen charakterisiert sind, sollten aufgehoben werden, weil sie die Jugendarbeitslosigkeit maximieren.
- Kosten für Sozialpläne und Ähnliches, die bei  Entlassungen den Unternehmen entstehen, sollten niedrig gehalten werden, um die Flexibilität des Arbeitsmarktes zu erhöhen.
- Die Allgemeinverbindlichkeit von Tarifverhandlungen sollte beschränkt werden. Die Verhandlungen sollten nur für Betriebe gelten, die an den Verhandlungen teilnehmen.
- In Industriezweigen, in denen bereits weitreichende Tarifverträge existieren, sollten betriebliche Vereinbarungen möglich sein, die die Flächentarifverträge modifizieren.
- Verbesserung und Einführung der dualen Berufsausbildung.

Die USA als Vorbild für den Euroraum:

- Eine Fiskalunion verlangt zunächst die Gründung eines europäischen Bundesstaates. Ohne die Gründung eines solchen Staates können ähnlich wie in den Anfangsjahren der USA Sprengkräfte für die Gesellschaft entstehen.
- Dem Eurosystem fehlt ein System zur Tilgung der Target-Schulden. Das US-amerikanische System der Tilgung der Salden bei den Interdistrict Settlement Account könnte ein Beispiel für Europa sein. Ein solches System würde den nationalen Notenbanken Anreize bieten, die Schwierigkeiten der lokalen Wirtschaft beim Bezug von Auslandskrediten nicht mehr durch eine Ausweitung der lokalen Geldschöpfung zu lösen.

Der vollständige Bericht steht unter http://www.cesifo-group.de/eeag zum Download zur Verfügung.

(vg)
Dateien:
EEAG BIP-Wachstum Inflation Arbeitslosenquote in Europa136 K
EEAG BIP-Wachstum Inflation Arbeitslosenquote136 K
EEAG Prognose fuer die EU86 K