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Thomas Ebenfeld (l.) und Dirk Ziems (r.) sind Gründer des Marktforschungsinstituts Concept M - Quelle: Concept m/Antonia Schneider; EYECATCHME. Photography

Markt-Psychogramm

Menschen, Marken, Motive: Was macht einen Helden heute noch zum Helden?

Menschen treffen Entscheidungen nicht allein rational. Gefühle, Erwartungen, Gewohnheiten und soziale Einflüsse prägen, wie sie Marken wahrnehmen, Medien nutzen und auf Kommunikation reagieren. Genau diesen Zusammenhängen widmet sich das Markt-Psychogramm, das alle zwei Wochen die psychologischen Muster hinter Markt, Medien und Marken betrachtet.

Thomas Ebenfeld und Dirk Ziems von Concept m nehmen dabei aktuelle Entwicklungen zum Anlass, um genauer hinzuschauen: Was bewegt Menschen? Welche Bedürfnisse und Spannungen entstehen? Und was bedeuten diese Veränderungen für Marken und ihre Kommunikation?

In der aktuellen Folge geht es darum, was uns unsere Helden über die Gegenwart erzählen. Christopher Nolans Odysseus, Spider-Man und die Psychologie politischer Konflikte führen zu einer gemeinsamen Frage: Wie bleiben Menschen handlungsfähig, wenn Macht, Verantwortung und Kontrolle aus dem Gleichgewicht geraten? Ein Gespräch über die psychologischen Spuren von Krieg, die neue Macht durch Künstliche Intelligenz, Klima-Fatalismus und politischen Trotz – und darüber, was all das mit Marken zu tun hat:

 

Filme sind selten nur Unterhaltung. In der Psychologischen Morphologie lesen wir sie seit jeher auch als Seismografen ihrer Zeit. Der Filmpsychologe Dirk Blothner hat gezeigt, wie Filme kulturelle Konflikte verdichten und in Bilder übersetzen, lange bevor eine Gesellschaft sie vollständig benennen kann. Sie halten der Kultur einen Spiegel vor und machen sichtbar, was kollektiv längst wirksam ist, aber noch nicht ganz in Sprache gefunden hat. 

Wenn der Held an sich selbst zerbricht

Gerade deshalb lohnt sich ein Blick auf Christopher Nolans neue Odyssee. Nolan ist selbst längst ein Kulturphänomen: Er verwandelt philosophische und psychologische Großfragen mit bemerkenswerter Verlässlichkeit in Massenerlebnisse. Interessant ist also nicht nur, dass er einen fast dreitausend Jahre alten Mythos neu erzählt, sondern welchen Odysseus unsere Gegenwart darin wiederfindet.

Es ist kein strahlender Sieger. Odysseus kommt aus einem gewonnenen Krieg, aber der Krieg ist in ihm nicht vorbei. Seine Verwundung besteht nicht nur in dem, was er erlebt hat, sondern auch in dem, was er selbst getan hat. Die Traumaforschung spricht hier von 'Moral Injury': einer Erschütterung des eigenen moralischen Selbstbildes durch Handlungen und Erfahrungen, die sich nicht mehr ohne Weiteres mit den eigenen Werten vereinbaren lassen. Die quälende Frage lautet dann nicht nur: Was ist mir passiert? Sondern: Wer bin ich nach dem, was ich getan habe?

Die Rückkehr der Bedrohung

Dass gerade diese Figur heute wieder Resonanz erzeugt, erscheint kaum zufällig. Krieg ist nicht mehr nur Nachricht aus der Ferne. Er ist wieder Hintergrundrauschen europäischer Gegenwart – militärisch, hybrid, digital. Der Krieg in der Ukraine, die Konflikte im Nahen Osten, Cyberangriffe, Sabotage und Desinformation machen Bedrohung wieder unmittelbarer spürbar. Solche Erfahrungen verschwinden nicht nach der Tagesschau. Sie setzen sich als diffuse Alarmbereitschaft, Kontrollverlust und Zukunftsunsicherheit fest.

Filme können dafür eine Art kulturellen Behandlungsraum eröffnen – nicht indem sie Konflikte lösen, sondern indem sie ihnen eine Form geben. Sie machen das schwer Fassbare erzählbar und erlauben, Angst, Schuld, Gewalt und Ohnmacht symbolisch durchzuspielen. Je realer die äußere Bedrohung wird, desto stärker sucht eine Kultur nach inneren Bildern für das, was sie mit uns macht.

In diesem Sinn erzählt Nolans Odysseus nicht einfach von einem antiken Krieger. Er berührt eine sehr gegenwärtige Frage: Was bleibt von einem Menschen, wenn er durch Gewalt, Schuld und extreme Erfahrung gegangen ist? Der Held interessiert uns dabei weniger als unbeschädigte Siegerfigur. Spannender ist, ob jemand nach der Erfahrung von Macht, Gewalt und Schuld noch ein Verhältnis zu sich selbst behält.

Man kann einen Krieg gewinnen und sich selbst dabei verlieren. Vielleicht ist das die modernste Botschaft dieser alten Geschichte.

Odysseus trifft Spider-Man

Spider-Man kommt von der anderen Seite. Peter Parker leidet nicht an vergangener Macht, sondern an plötzlich gewachsener. Die Wunschphantasie „In mir steckt mehr, als man sieht“ kippt schnell in Verantwortung. Odysseus fragt, was Gewalt mit einem Menschen macht. Spider-Man fragt, was Macht mit ihm macht.

Wenn Macht schneller wächst als Reife

Und damit sind wir mitten in der KI-Gegenwart. KI gibt Einzelnen und Unternehmen Fähigkeiten, für die vor wenigen Jahren noch ganze Teams und Spezialisten notwendig waren. Meist sprechen wir darüber als Fortschritts- oder Produktivitätsgeschichte. Psychologisch ist eine andere Frage mindestens genauso interessant: Was passiert, wenn unsere Fähigkeiten schneller wachsen als unsere Reife?

Das ist die Spider-Man-Frage unserer Zeit.

Unsere Kultur erlebt damit zwei Bewegungen gleichzeitig: die Rückkehr sehr alter Formen von Macht – Krieg, Gewalt, territoriale Bedrohung – und einen enormen Zuwachs technologischer Macht. Odysseus muss mit den Folgen von Macht weiterleben. Spider-Man muss erst lernen, was es heißt, sie zu besitzen.

Gerade deshalb wirken ambivalente Helden heute so zeitgemäß. Sie zeigen nicht, wie man unverwundbar wird. Sie zeigen, wie man mit Verwundbarkeit handlungsfähig bleibt.

Was Marken heute als Stärke erzählen können

Auch für Marken ist das nicht ganz nebensächlich. Vielleicht verändert sich damit auch, was Marken überhaupt als Stärke inszenieren können. Die alte Verheißung lautete oft: Du wirst überlegen. Die interessantere Verheißung könnte heute sein: Du bleibst handlungsfähig, obwohl die Welt unübersichtlich bleibt. In einer Kultur, die ihre Grenzen und Verletzlichkeiten wieder deutlicher erlebt, könnte genau das die glaubwürdigere Form von Stärke sein.

Klima-Fatalismus und politischer Trotz

Und sonst in der neuen Folge?

In der neuen Folge von Das Markt-Psychogramm – Menschen, Marken, Medien sprechen wir außerdem über Klima-Fatalismus: Warum der Zweifel zunehmend weniger dem Klimawandel selbst gilt als unserer Fähigkeit, tragfähige Lösungen dafür zu finden.

Und wir beschäftigen uns mit der Psychologie politischen Trotzes: Was passiert, wenn politische Kritik nicht mehr nur Positionen trifft, sondern als Angriff auf Würde, Zugehörigkeit und das eigene Selbstbild erlebt wird?

Drei unterschiedliche Themen. Aber in allen geht es am Ende um eine ähnliche Frage: Wie bleiben Menschen handlungsfähig, wenn Macht, Verantwortung und Kontrolle aus dem Gleichgewicht geraten?

Spotify: https://open.spotify.com/show/6l1nUCDohct5kcojXo8Xlg

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vg 02.09.2026

 

Podcast

Der Podcast für die Marketingbranche

In "Das Marktpsychogramm" wollen Thomas Ebenfeld und Dirk Ziems die Psychologie hinter Menschen, Marken und Medien verständlich machen.

  • Welche Marke ist erfolgreich und warum?
  • Welche Studie ist aktuell besonders relevant?
  • Wer sind die Auf- und Absteiger der Branche?
  • Welche Auswirkungen hat KI auf das Marketing?

Alle 14 Tage mittwochs hier.

 

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