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Thomas Ebenfeld (l.) und Dirk Ziems (r.) sind Gründer des Marktforschungsinstituts Concept M - Quelle: Concept m/Antonia Schneider; EYECATCHME. Photography

Markt-Psychogramm

Menschen, Marken, Motive: Was Reality-TV über uns verrät

Menschen treffen Entscheidungen nicht allein rational. Gefühle, Erwartungen, Gewohnheiten und soziale Einflüsse prägen, wie sie Marken wahrnehmen, Medien nutzen und auf Kommunikation reagieren. Genau diesen Zusammenhängen widmet sich das Markt-Psychogramm, das alle zwei Wochen die psychologischen Muster hinter Markt, Medien und Marken betrachtet.

Thomas Ebenfeld und Dirk Ziems von Concept m nehmen dabei aktuelle Entwicklungen zum Anlass, um genauer hinzuschauen: Was bewegt Menschen? Welche Bedürfnisse und Spannungen entstehen? Und was bedeuten diese Veränderungen für Marken und ihre Kommunikation?

In der aktuellen Folge geht es darum, was unsere Lust an Trash-TV, unser Vertrauen in Traditionsmarken und unser Bedürfnis nach moralischer Orientierung über die Art verraten, wie Menschen in einer zunehmend unsicheren Welt nach Halt und Einordnung suchen:

 

Es gibt Sätze, die fast automatisch fallen, wenn Menschen über Reality-TV sprechen: „Ich schaue das nur zur Entspannung.“ „Eigentlich ist das ja furchtbar.“ „Ich sehe das eher ironisch.“ „Ich wollte nur mal reinschauen.“

Man merkt diesen Sätzen an: Da muss etwas entschuldigt werden. Kaum jemand sagt mit völlig freier Brust: Ich schaue gern dabei zu, wie Menschen flirten, lügen, weinen, sich überschätzen oder vor laufender Kamera beschämt werden.

Und genau das macht Reality-TV interessant. Wir schämen uns vielleicht weniger für das Format selbst als dafür, dass es funktioniert.

Erlaubter Raum für Affekte

Ein früherer Dozent sagte einmal zu uns: Ihr könnt euch jeden Müll ansehen — solange ihr euch fragt, was das mit der Kultur zu tun hat. Genau das ist der Punkt. Die spannende Frage ist nicht, ob Reality-TV geschmackvoll ist. Sondern warum es so zuverlässig wirkt.

Genau darüber sprechen wir in der neuen Folge von Das Markt-Psychogramm: Es geht darum, warum es so faszinierend ist, zuzusehen, wie andere flirten, streiten, taktieren und sich bloßstellen. Die einfache Antwort wäre: Weil Menschen schadenfroh sind.Das greift jedoch zu kurz

Reality-TV ist ein erlaubter Raum für Affekte, die im Alltag wenig Platz haben: Lästern, Schaulust, Schadenfreude, moralische Härte — und die kleine Lust, sich selbst für einen Moment geordneter zu fühlen.

Reality-TV ist ein Gesprächsmedium

In unseren Alltagsstudios bei Concept m haben wir immer wieder beobachtet: Reality-TV wird selten still geschaut. Da wird reingeredet, gelästert, gelacht, fremdgeschämt, bewertet. Manchmal mit erstaunlicher Lust. Die Sendung läuft also nicht nur auf dem Bildschirm. Sie läuft auf dem Sofa weiter.

Reality-TV ist ein Gesprächsmedium. Man schaut nicht einfach zu, man nimmt Stellung. Ist das echt oder gespielt? Opfer oder Blender? Bemitleidenswert oder peinlich?

Das Publikum hat dabei den bequemsten Platz: Es sieht alles und riskiert nichts. Es darf intime Situationen beobachten, ohne selbst hineingezogen zu werden. Nähe, Scham, Begehren, Kränkung und Kontrollverlust werden sichtbar — aber man bleibt draußen. Trash-TV gibt uns Intimität ohne Beziehungspflicht.

Dieses Motiv ist alt. Im Märchen Marienkind darf das Kind viele Türen öffnen — nur eine nicht. Natürlich wird genau diese verbotene Tür zum Zentrum des Begehrens. Das Verbot schafft die Aufladung.

Reality-TV funktioniert ähnlich. Es öffnet Türen, die im normalen sozialen Leben geschlossen bleiben sollten: Schlafzimmer, Streitgespräche, Eifersucht, Tränen, Beschämung. Das ist der Blick durchs Schlüsselloch — nur industriell produziert, dramaturgisch verdichtet und sozial legitimiert.

Format bietet überschaubare Dramen

Aber es geht nicht nur um das Verbotene. Es geht auch um Entlastung. Wer nach einem langen Tag erschöpft auf dem Sofa sitzt, will nicht immer noch einen französischen Film Noir durchdringen. Manchmal reicht ein Actionfilm, eine Quizshow oder eben ein Reality-Format. Nicht, weil man plötzlich dümmer geworden ist. Sondern weil die Welt schon kompliziert genug war.

Trash-TV macht sie kleiner. Für eine Stunde geht es nicht um Krieg, Inflation, KI oder Reformstau. Sondern um überschaubare Dramen: Wer lügt? Wer liebt? Wer fliegt raus? Wer verliert die Kontrolle? Das ist bequem. Und natürlich nicht harmlos.

Reality-TV bietet eine Welt, in der man schnell versteht, worum es geht. Aus komplizierten Menschen werden einfache Figuren: die Intrigantin, der Blender, das Opfer, die Peinliche. Nicht gerecht. Aber bequem.

Denn echte Menschen sind selten so eindeutig wie ihre Rolle im Schnitt. Genau diese Vereinfachung macht den Reiz aus. Was man im eigenen Leben lieber unter Kontrolle hält, darf dort an anderen sichtbar werden: Eifersucht, Neid, Scham, Geltungsdrang, moralische Härte. Wir schauen Menschen beim Kontrollverlust zu — und genießen dabei unsere eigene Kontrolle.

Trash-TV verletzt Regeln – und macht sie sichtbar

Auch deshalb war die alte These vom 'Unterschichtenfernsehen' immer bequem, aber falsch. Reality-TV wird über Milieus und Bildungsgruppen hinweg geschaut. Nur die Rechtfertigungen unterscheiden sich.

Die einen nennen es lustig, die anderen interessieren sich angeblich für die Medienlogik, wieder andere schauen „nur ironisch“. Manchmal stimmt das. Manchmal ist Ironie aber auch nur die kultiviertere Form, sich eine Lust zu erlauben, die nicht ganz zum eigenen Selbstbild passt.

Gerade kontrollierte, reflektierte Menschen brauchen gelegentlich Räume, in denen nicht alles kontrolliert und reflektiert sein muss. Reality-TV ist nicht Fernsehen für einfache Menschen. Es ist Fernsehen für einfache Anteile in sehr unterschiedlichen Menschen.

Auch Fremdscham gehört dazu. Man schaut weg, schaut wieder hin — und spürt sehr genau, welche Grenze gerade überschritten wurde. Trash-TV lebt nicht von Normlosigkeit. Es lebt davon, dass Regeln verletzt und dadurch wieder sichtbar werden.

Über die Jahre ist daraus ein eigenes Figurenuniversum entstanden: Menschen tauchen auf, verschwinden, werden Influencer, kommen zurück, landen im Dschungel, im nächsten Dating-Format, im nächsten Konflikt. Ein mediales Narrenschiff.

Die Läster-Runde von früher ist heute ein Algorithmus

Früher sortierten Klatschmagazine solche Geschichten. Heute wandern sie durch Reality-TV, Instagram, TikTok und Kommentarspalten weiter. Die Läster-Runde von früher ist heute ein Algorithmus. Trash-TV wechselt nur die Bühne. Mal läuft es im Fernsehen, mal auf TikTok, mal im Livestream, mal in der Kommentarspalte.

Das Bedürfnis bleibt dasselbe: vergleichen, urteilen, sich entlasten. Und manchmal braucht man dafür fremde Lebensläufe, die schlecht genug laufen, damit das eigene Leben wieder etwas geordneter wirkt.

Trash-TV ist deshalb kein kultureller Unfall. Eher ein Symptom. Es zeigt Bedürfnisse, die nicht verschwinden, nur weil eine Gesellschaft sich für aufgeklärt, sensibel und kontrolliert hält.

Vielleicht ist Reality-TV gerade deshalb ihre schmutzige Rückseite: Wir empören uns über Grenzüberschreitungen — und genießen Formate, die davon leben. Wir kritisieren Beschämung — und schauen zu, wenn andere beschämt werden.

Kultur zeigt sich nicht nur in ihren Idealen. Sie zeigt sich auch in ihren erlaubten Ausnahmen. Trash-TV wird vielleicht irgendwann verschwinden. Das Bedürfnis danach wahrscheinlich nicht. Denn am Ende schauen wir dort nicht nur anderen beim Scheitern, Flirten und Streiten zu. Wir schauen auch uns selbst dabei zu, wie gern wir hinschauen.

Und sonst in der neuen Folge?

Außerdem geht es im Podcast um zwei andere Formen der Selbstsortierung:

  • Um deutsche Traditionsmarken wie Nivea, VW, Mercedes und Varta — und um die Frage, warum alte Vertrauensversprechen heute nicht mehr automatisch Zukunft erzeugen. Was bleibt von Marken, wenn Vertrautheit allein nicht mehr reicht?
  • Und um die „Moralmaschine“: Warum berechtigte moralische Sensibilität ein Fortschritt ist — aber auch zur Selbstvergewisserung werden kann. Denn Moral hilft uns nicht nur, die Welt besser zu machen. Sie hilft uns manchmal auch, uns selbst auf der richtigen Seite zu fühlen.

Beide Themen erzählen auf ihre Weise davon, wie Menschen Orientierung suchen, wenn Vertrautes brüchig wird: in Marken, die Halt versprechen — und in moralischen Urteilen, die Sicherheit geben.

Spotify: https://open.spotify.com/show/6l1nUCDohct5kcojXo8Xlg

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vg 17.09.2026

 

Podcast

Der Podcast für die Marketingbranche

In "Das Marktpsychogramm" wollen Thomas Ebenfeld und Dirk Ziems die Psychologie hinter Menschen, Marken und Medien verständlich machen.

  • Welche Marke ist erfolgreich und warum?
  • Welche Studie ist aktuell besonders relevant?
  • Wer sind die Auf- und Absteiger der Branche?
  • Welche Auswirkungen hat KI auf das Marketing?

Alle 14 Tage mittwochs hier.

 

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