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Thomas Ebenfeld (l.) und Dirk Ziems (r.) sind Gründer des Marktforschungsinstituts Concept M - Quelle: Concept m/Antonia Schneider; Eyecatchme. Photography

Markt-Psychogramm

Menschen, Marken, Motive: Warum Marken ein neues Bild vom Altern brauchen

Menschen treffen Entscheidungen nicht allein rational. Gefühle, Erwartungen, Gewohnheiten und soziale Einflüsse prägen, wie sie Marken wahrnehmen, Medien nutzen und auf Kommunikation reagieren. Genau diesen Zusammenhängen widmet sich das Markt-Psychogramm, das alle zwei Wochen die psychologischen Muster hinter Markt, Medien und Marken betrachtet.

Thomas Ebenfeld und Dirk Ziems von Concept m nehmen dabei aktuelle Entwicklungen zum Anlass, um genauer hinzuschauen: Was bewegt Menschen? Welche Bedürfnisse und Spannungen entstehen? Und was bedeuten diese Veränderungen für Marken und ihre Kommunikation? Begleitend zu jeder neuen Podcast-Folge schreiben die beiden jeden zweiten Mittwoch einen Beitrag für markenartikel. In der aktuellen Folge geht es darum, dass Menschen länger leben, aber nicht alt sein wollen. Der Longevity-Trend verspricht Kontrolle über das Altern – und setzt damit neue Maßstäbe für Selbstoptimierung. Was das für Marken bedeutet, die Selbstbestimmung ermöglichen wollen, ohne Alter zum Makel zu erklären, erläutern Ebenfeld und Ziems:

 

Wir wollen alle lange leben. Aber alt sein möchte fast niemand. Das ist mehr als Eitelkeit: Altern bedroht ein Selbstbild aus Autonomie, Wahlfreiheit, Aktivität und Kontrolle. In unseren Studien zu Best Agern, Gesundheit und Longevity sehen wir bei Concept m seit Jahren: Menschen wollen nicht einfach länger leben. Sie wollen länger die Person bleiben, für die sie sich halten – vital, selbstbestimmt, gebraucht, attraktiv.

Die Illusion der Unsterblichkeit

Warum sich dieser Wunsch so hartnäckig hält, hat die Psychoanalyse beschrieben: Das Es kennt keine Zeit, keinen Widerspruch – und keinen Tod. Für das Unbewusste ist die eigene Sterblichkeit nicht vorstellbar; jeder trägt im Innersten eine Unsterblichkeitsillusion, ganz gleich, wie alt der Körper wird. Rational arrangieren wir uns mit dem Altern. Emotional will niemand glauben, dass er stirbt.

Über Jahrhunderte hat die Lebensrealität diese Illusion ständig korrigiert: Kindersterblichkeit, Seuchen, Kriege, das Sterben zu Hause – der Tod war alltäglich, man kam ihm nicht aus. Heute ist er weggepackt: ins Krankenhaus, auf die Palliativstation, ins Pflegeheim. Wer 50 wird, hat oft noch nie jemanden sterben sehen. Das Korrektiv ist ausgefallen, die Illusion wächst ungestört. Die Folge: „Alt“ liegt subjektiv immer 15 Jahre weiter hinten. Alt sind die anderen.

Longevity: Die Unsterblichkeitsillusion als Geschäftsmodell

Auf diesem Boden gedeiht Longevity. Was das Es unbewusst glaubte, wird zum erklärten Lebensprojekt. Tech-Unternehmer Bryan Johnson, Ende 40, nennt seine Philosophie „Don't Die“ und hält uns für die womöglich erste Generation, die nicht stirbt. Ob er glaube, dass er sterben werde? Nein. Im Sommer 2026 kam die Diagnose einer unheilbaren Autoimmun-Gastritis – er kündigte an, auch das zu lösen. Longevity ist die Es-Illusion als Geschäftsmodell.

Damit wird Altern von der Lebensphase zur Managementaufgabe. Früher wurde man alt – härter, schlechter abgesichert, enger gerahmt, aber mit kulturellem Bild: Großmutter, Großvater, Ruheständler, Weiser. Nicht immer schön, aber erkennbar. Heute soll man sein Alter gestalten, verzögern, trainieren, supplementieren, digital überwachen und möglichst lange unsichtbar machen. Das ist auch Fortschritt: Menschen bleiben länger gesund, reisen, arbeiten, lieben, gründen neu, fahren E-Bike und passen in kein Seniorenbild mehr.

Wenn Selbstfürsorge in Selbstoptimierung kippt

Aber aus Fortschritt entsteht Druck. Je machbarer Alter erscheint, desto schneller wirkt Altern wie Versagen: Wer krank wird, hat nicht genug getan; wer Hilfe braucht, zu spät vorgesorgt. Aus Schicksal wird Schuld, aus Fürsorge Optimierung, aus Gesundheit Leistung. Das ist der Kern der Longevity-Versprechen: Sie behandeln nicht den Körper, sondern die Angst, dem Altern ausgeliefert zu sein. Nicht alles daran ist falsch – Bewegung, Schlaf, Ernährung und Beziehungen erhöhen Lebensqualität. Longevity kippt, wo Selbstfürsorge zur Selbstüberwachung wird: Der Körper wird zum Dashboard, der Schlafscore zum Urteil, und man lebt nicht mehr gesünder, um besser zu leben, sondern um Werte im grünen Bereich zu halten. Die Frage ist nicht, wie lange ich leben kann. Sondern wofür.

Hier beginnt die Aufgabe für Marken. Der Altersmarkt wird noch immer zu oberflächlich gedacht: Silver Economy, Best Ager mit Reisebudget, Pflegefall von morgen, Longevity-Konsument mit Biohacking-Neigung. Psychologisch ist Alter kein Segment, sondern Kränkung, Entwicklungsaufgabe und Identitätsarbeit zugleich. Es stellt tiefere Fragen: Wer bin ich noch, wenn nicht mehr alles geht? Werde ich noch gebraucht? Darf ich Hilfe annehmen, ohne mich klein zu fühlen? Bleibe ich Subjekt meines Lebens – oder werde ich Objekt von Versorgung?

Produkte, die an der Identität scheitern

Viele Produkte für Ältere scheitern nicht an ihrer Funktion, sondern an der Identität, die sie zumuten. Ein Hilfsmittel kann praktisch richtig sein und trotzdem verletzen, weil es unausgesprochen sagt: Du bist jetzt alt, schwach, nicht mehr souverän. Damit kollidiert es mit einer Instanz, die keinen Tod kennt – und deshalb auch kein Altsein. Unsere Best-Ager-Studien zeigen genau das: Menschen lehnen nicht Unterstützung ab, sondern die Identität, die viele Angebote mitliefern. Deshalb liegt klassische Seniorenkommunikation so oft daneben: Niemand will „Senior“ sein, der sich nicht so erlebt. Gefragt sind Lösungen, die Handlungsfähigkeit verlängern, nicht Produkte, die Defizite markieren.

Für Marken heißt das: Design ist hier keine Oberfläche, sondern Identitätsarbeit. Sensoren, Notfallsysteme, Wearables und KI können enorm helfen – Stürze erkennen, Angehörige entlasten, Menschen länger zu Hause halten. Doch dasselbe System kann entwürdigen oder entlasten, als Kontrolle erlebt werden oder als stilles Sicherheitsnetz. Überwachung sagt: Du bist Risiko. Assistenz sagt: Du bleibst handlungsfähig. Das entscheidet nicht die Technik, sondern das Menschenbild in ihr. Die gute Markenfrage lautet deshalb nicht: Wie verkaufen wir Älteren etwas? Sondern: Wie helfen wir Menschen, länger souverän, verbunden und würdevoll zu bleiben?

Würde zwischen Mensch und System

Das gilt bis in die Pflege. Die Pflegekrise ist nicht nur eine Frage von Personal und Geld, sondern der Zusammenprall von Individualitätsanspruch und Standardversorgung: Der alte Mensch erlebt sich als Biografie und Eigensinn, das System sieht Pflegegrad, Ablauf, Zeitfenster. Ein System muss organisieren. Würde entsteht dort, wo der Mensch nicht im Fall verschwindet.

Dafür braucht es ein anderes Bild vom Altern. Nicht Anti-Aging als Kampf gegen den eigenen Körper, nicht Forever Young als Pflichtprogramm, nicht Seniorenmarketing als freundliche Verkleinerung, nicht Longevity als Kontrollwahn. Die Psychologie kennt ein reiferes Modell: Generativität. Der Rückzug im Alter war immer auch Entlastung: nicht mehr alles selbst betreiben, sich nicht mehr beweisen müssen, zusehen, wie die nächste Generation es in eigenem Stil und Tempo macht – Teil eines Kreislaufs sein. Steve Jobs nannte den Tod in seiner Stanford-Rede die beste Erfindung des Lebens: Er räumt das Alte weg und macht Neuem Platz. Gestaltung, wo sie möglich ist. Annahme, wo nicht alles kontrollierbar bleibt. Wir haben viele Bilder dafür, wie man jung bleibt. Zu wenige dafür, wie man gut alt wird.

Nicht ewig jung, sondern gut alt werden

Genau darin liegt die Chance für Marken. Sie können das Alter nicht abschaffen und sollten Altwerden nicht als schlecht gemanagten Lifestylefehler behandeln. Aber sie können neue Bilder anbieten: Reife, Eigenständigkeit, Zugehörigkeit, gelassene Kraft, unterstützte Selbstbestimmung. Der Markt des langen Lebens braucht nicht nur bessere Produkte, sondern ein besseres Menschenbild. Menschen wollen nicht jünger erzählt werden, als sie sind. Sie wollen sich in einer veränderten Lebensphase wiedererkennen, ohne sich zu verlieren. Alt werden ist kein Produktfehler. Es ist eine der großen Aufgaben des Lebens – und für Marken, die relevant bleiben wollen.

In der neuen Folge von Das Marktpsychogramm sprechen wir außerdem über Marken in unsicheren Zeiten und über die paradoxe Sehnsucht nach Freiheit und Absicherung. Drei Themen, eine psychologische Klammer: Wie bleiben Menschen handlungsfähig, wenn vieles unsicherer und schwerer steuerbar wird?

Spotify: https://open.spotify.com/show/6l1nUCDohct5kcojXo8Xlg

Beiträge zu den bisherigen Folgen

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vg 14.10.2026

 

Podcast

Der Podcast für die Marketingbranche

In "Das Marktpsychogramm" wollen Thomas Ebenfeld und Dirk Ziems die Psychologie hinter Menschen, Marken und Medien verständlich machen.

  • Welche Marke ist erfolgreich und warum?
  • Welche Studie ist aktuell besonders relevant?
  • Wer sind die Auf- und Absteiger der Branche?
  • Welche Auswirkungen hat KI auf das Marketing?

Alle 14 Tage mittwochs hier.

 

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