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Langfristige Wohlfahrtsentwicklung in Deutschland verläuft schleppend

Im jüngsten Aufschwung ist nicht nur die deutsche Wirtschaft robust gewachsen, sondern auch der gesamtgesellschaftliche Wohlstand hat spürbar zugenommen. Das zeigt der neue „Nationale Wohlfahrtsindex 2019“ (NWI 2019). Ein Wissenschaftlerteam um Prof. Dr. Hans Diefenbacher vom Institut für Interdisziplinäre Forschung (FEST) Heidelberg hat den NWI, der auch soziale und ökologische Faktoren bei der Wohlstandmessung einbezieht, im Auftrag des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung soeben aktualisiert. 2017, so die nun vorliegenden neuesten Daten, ist der Wohlstand demnach um 0,9 Prozent gewachsen, während das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 2,2 Prozent zunahm.

Damit hebt sich der Aufschwung seit 2014 deutlich von der Zeit von 2000 bis 2013 ab. Seit 2014 erhöhte sich der Wohlstand um 1,6 Prozent im Jahresdurchschnitt, während das BIP im Mittel um 2,1 Prozent zulegte. In der längeren Frist dagegen klaffen BIP und Wohlstandsentwicklung deutlicher auseinander. Das BIP ist zwischen 1991 und 2017 real um rund 43 Prozent gewachsen. Der gesamtgesellschaftliche Wohlstand in der Bundesrepublik hat hingegen im gleichen Zeitraum lediglich um knapp 8,1 Prozent zugenommen und ist in der Phase von 2000 bis 2005 sogar gefallen. Trotz der „Verstetigung eines positiven Trends“ in jüngster Zeit, so die Forscher, befand sich das gesamtwirtschaftliche Wohlfahrtsniveau deshalb Ende 2017 nur auf dem gleichen Stand wie 20 Jahre zuvor. Der Wohlstand seit 2014 hat sich etwas stärker als zuvor entwickelt, weil auch die Einkommen breiterer Arbeitnehmerschichten und dadurch der private Konsum real spürbar gestiegen sind.

Hauptgrund für das relativ schwache Abschneiden bei der langfristigen Wohlfahrtsentwicklung ist nach Analyse der Forscher der fortwirkende deutliche Anstieg der Einkommensungleichheit vor allem in den 2000er-Jahren. Damals stagnierten die Reallöhne vieler Beschäftigter, während Kapital- und Unternehmenseinkommen stark zunahmen. Der Gini-Koeffizient, der die Ungleichheit der Einkommen ausweist, erhöhte sich deutlich von 0,247 auf 0,291. Auf diesem erhöhten Niveau verharrte die Ungleichheit auch 2017, betonen die Wissenschaftler. Das neutralisiert einen Teil der Zunahme beim privaten Konsum (um 24 Milliarden Euro im Jahr 2017), den der Indikator als einen wesentlichen Faktor für Wohlstandszuwächse breiterer Bevölkerungsschichten heranzieht (mehr zur Methode unten). Leicht positiv wirkte sich laut NWI 2017 zudem aus, dass die öffentlichen Ausgaben für Gesundheit und Bildung erhöht wurden (Wohlstandszuwachs um 0,5 Milliarden Euro), während die gesellschaftlichen Schäden durch Verkehrsunfälle, Luftschadstoffe und Nutzung der Atomkraft leicht (zusammen um 2,4 Milliarden Euro) zurückgingen.




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(tor) 28.08.2019